Sonderausstellung vom 5. März 2010 bis 31. Oktober 2010
Erfurts gute Stube - der Anger - Bilder, Fakten und Geschichten

Anger, Blick Westseite
um 1890
Der Erfurter Anger verkörpert eine reiche Historie, viele unterschiedliche Baustile, eine ausgeprägte Infrastruktur und vielfältige
menschliche Aktivitäten in Vergangenheit und Gegenwart. Herzstück dieser Magistrale ist das "Angereck", die Angerkreuzung, gewissermaßen
der gefühlte und anerkannte Mittelpunkt der Stadt. Die ursprüngliche Wortbedeutung des Angers ist ein freier Platz, eine Wiese oder
Weide in der Mitte einer Ansiedlung.
Ausgrabungen aus dem 6. Jh. n. Chr. haben bereits menschliches Tun auf dem Anger nachgewiesen. Mit der Stadtwerdung Erfurts am Ende
des 1. Jahrtausends wurde das sumpfige Gelände am Ostufer der Gera trocken gelegt und erschlossen. Die nahe gelegene Kaufmannssiedlung
mit ihrer ecclesia mercatorum (Kaufmannskirche) begünstigte den Handel mit lokalen Produkten sowie Luxuswaren aus fernen Gegenden. Eine
erste urkundliche Erwähnung des Angers als Erfurter Handelsplatz stammt aus dem Jahr 1196. Mit dem Zuchtbrief von 1351 wurde per
Marktzwang der Anger zum alleinigen Waidhandelsplatz erhoben. Die Waidfarbe war im Mittelalter das Blaufärbemittel schlechthin und
brachte großen Reichtum in die Stadt. So lautete der damalige Name für diesen Platz folgerichtig "Waidanger". Bis in das 17. Jahrhundert
dominierte der Waidhandel den Anger - die jährliche Saison dauerte 16 Wochen bis Ende September. Viele der wohlhabenden Waidhändler,
auch Waidjunker genannt, siedelten sich auf diesem Areal an, noch heute sind zum Teil deren prächtigen Steinbauten zu sehen. Auch die
Hohe - oder Königsstraße als wichtigster Fernhandelsweg hatte ihren Verlauf über den östlichen Anger.

Kaufhaus "Römischer Kaiser"
um 1910
Die Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts und die Entfestigung der Stadt 1873 waren entscheidende Faktoren für einen
Aufstieg Erfurts zu einem nüchternen kapitalistischen Gemeinwesen; die 100.000 Einwohnergrenze zur Großstadt wurde 1906 überschritten.
Der Anger partizipierte von dieser Entwicklung und wurde zur Hauptgeschäftsstraße der Stadt, galt als vornehmste Adresse für Handel und
Repräsentation. Gründerzeithäuser, Jugendstilgebäude, große Verkaufseinrichtungen, Restaurants usw. dominierten jetzt das Straßenbild
und zeigten die Wohlhabendheit des neuen Besitzbürgertums. Trotz einiger Kriegsschäden 1944/45 und Verfallserscheinungen in DDR-Zeit
ist das Gesamtensemble Anger weitgehend bis heute erhalten geblieben. Eine umfangreiche Rekonstruktion in den 1970er Jahren brachte den
alten Glanz unter realsozialistischen Bedingungen wieder zum Tragen und wurde mit dem DDR-Architekturpreis 1978 anerkannt. Wer von den
älteren Erfurterinnen und Erfurtern erinnert sich nicht gern an die Verabredungen in früheren Jahren unter der alten Freytag-Angeruhr
mit dem Durchgang, wo die täglichen Zeitungsauslagen der Zeitung "Das Volk" oder die Leucht-Lauf-Schrift von der gegenüberliegenden
Hauptpost die Wartezeiten verkürzen halfen?
Nach der Wende 1989/90 verschwanden alle HO- und Konsumeinrichtungen aus diesem Straßenzug. Heute zeigen sich viele große und häufig
wechselnde Handelsketten, Modehäuser und gastronomische Objekte auf dem Anger. Kultureinrichtungen, Buchhandel, Hauptpost und die
Straßenbahn prägen heute ebenfalls die Struktur. An Wochenenden frequentieren den Anger bis zu 35.000 Menschen. Die Bürger Erfurts
liebevoll nennen ihn auch die "gute Stube" der Stadt.
Harald Baum
FAKTEN
Über 180 Fotos und Postkarten, originale Pläne zur Angergestaltung sowie gegenständliche Zeugnisse der Geschäfte, Institutionen
und Ereignisse sind in der Ausstellung zu sehen.
Ausstellungsdauer: 5. März bis 31. Oktober 2010
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10.00 - 18.00 Uhr
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| Freiterrasse "Cafe am Angereck"
1984 |
Anger 62, 1977/78 gebaut 1984 |
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| Angerkreuzung
1949 |
öffentliche Bedürfnisanstalt an der Kaufmannskirche
vor dem Abriss 1991 |




