"Höllenqual und Seelenheil. Profanes und sakrales Leben hinter Stadtmauern"

Setzschild, 14. Jh.
Angermuseum Erfurt
Da Erfurt kein originärer Wirkungsort der Heiligen Elisabeth von Thüringen ist, beabsichtigt das Stadtmuseum im Festjahr zu Ehren
dieser großartigen und vielschichtigen Frauengestalt des Mittelalters in seiner Ausstellung, Wirkungsmechanismen darzustellen, die
immanenter Bestandteil von mittelalterlicher Stadtkultur waren und konstitutiv wirkten für das Erleben von "sakraler Gemeinschaft" und
Heiligkeit hinter Stadtmauern.
Dem gesteigerten Selbstwertgefühl erfolgreicher Händler, Kaufleute und Handwerker mussten neuartige Glaubensformen entgegengesetzt werden,
die eindeutig auf Gottes- und Nächstenliebe abzielten und andererseits dem städtischen Individualismus Rechnung trugen. Die folgenden G
enerationen lebten in dem Glauben, sich das Seelenheil durch religiöse Leistungen wie Vervielfachung der Festtage und Andachtsübungen,
um möglichst vieler Heiliger bei Fürbitte und Schutz teilhaftig zu werden, erkaufen zu können. Der dabei vorgebrachte Eifer vollendet
sich in diesem Zeitalter im reformatorischen Anspruch eines Martin Luther: "Denn Gott will keine faulen Müßiggänger haben ...!"
In enger Zusammenarbeit mit dem Kloster St. Paul, Lavanttal in Österreich, als wissenschaftlicher Kooperationspartner und Hauptleihgeber, versammelt die Ausstellung einmalige Zeugnisse dieses außergewöhnlichen Prozesses, der seine prägende Kraft bis hinein in unsere Gegenwart in der Auseinandersetzung um einen gemeinsamen europäischen Wertekanon behalten hat. Dabei liest die Ausstellung Spuren, die im profanen Alltag verankert sind, ihrer Herkunft nach aber einen eindeutig religiösen Ursprung besitzen. Diese Spurensuche wird vervollständigt durch eine provokante Spiegelung in die gegenwärtige urbane Realität, bei der scheinbar Vertrautes und Alltägliches hinterfragt wird.
In fünf großen "Bildern" nähert sich der Besucher dem Thema:
- Von der Wiege zum Sarg
- Städtische und kirchliche Macht
- Fest und Zwietracht
- Sorge für Leib und Seele
- Wege zur Weisheit
Obwohl die Bewohner der mittelalterlichen Städte sich als „sakrale Gemeinschaft“ verstehen, streben sie gleichzeitig nach Autonomie vom Klerus. Beispielhaft für diesen scheinbaren Widerspruch steht eines der Erfurter Setzschilde aus dem 14. Jahrhundert. Das fast mannshohe mit Leder bespannte und 60 Kilogramm schwere Holzschild wurde bei Belagerungen in den Boden gerammt, damit sein Träger dahinter Schutz vor Armbrustbolzen und Pfeilen finden konnte. Auf der Innenseite des Schildes findet man außerdem Fragmente einer kleinen Malerei. Erkennbar ist ein Heiliger Christopherus. Offensichtlich übernimmt er hier die Funktion eines Schutzheiligen und soll den Träger des Schildes vor Verletzung oder Tod bewahren.

Richtschwert, 17. Jh., abgeschlagene Hand, vermutlich Brandstifter
Stadtmuseum Erfurt
Tief in das mittelalterliche Rechtsverständnis und das unmittelbare Zusammenwirken von Heiligkeit und Profanität führt uns ein
weiteres ungewöhnliches Exponat – eines der Erfurter Richtschwerter. Auf der prachtvollen Klinge findet sich eine Inschrift: „Wan ich
das Schwert thue aufheben, so wünsche ich dem armen Sünder das ewige Leben“. Heute erscheint uns der Spruch zynisch. In damaliger Zeit
wurde jedoch mit jedweder scharfrichterlichen Maßnahme die Schuld getilgt. Keineswegs war das immer gleich die Todesstrafe, jedoch
musste der Delinquent keine Angst mehr haben, nach dem Vollzug der Strafe ewige Höllenqualen zu erleiden – ihm stand das Himmelreich
offen, er hat sich in die Hände der Gerichtsbarkeit gegeben und wurde dafür mit dem ewigen Leben belohnt.
Viele weitere und selten gezeigte Schätze kommen so für eine kurze Zeit ans Licht der Öffentlichkeit, ehe sie wieder hinter Klostermauern
verschwinden. Neben solch berühmten Holzschnitten wie den eindringlichen Basler Totentanz, werden Bücherschätze aus Erfurts großer
mittelalterlicher Bibliothek "Amploniana" und selten gesehene aber erstklassige Kunstwerke aus dem Fundus des sich derzeit in
Generalsanierung befindlichen Angermuseums vor dem Besucher ausgebreitet.
Das fünfte und letzte Bild präsentiert dabei als Zentrum der Ausstellung die Herausformung der modernen Wissenschaften - den Schritt aus
der Klosterzelle hin zur Gründung der ersten stadtbürgerlich geprägten Universitäten. Die zunehmende Beschleunigung des Wissenstransfers
in einer noch roh gezimmerten Marktwirtschaft nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Der Druck mit beweglichen Lettern nach Gutenbergs
Verfahren ist das Fundament für die Verbreitung bahnbrechender Gedanken, seien es reformatorische Schriften oder Rechenbücher. Die Stadt
Erfurt in der Mitte Europas steht im Zentrum dieser Entwicklung.
Ein absoluter Höhepunkt wird damit zweifelsfrei die erstmalige Präsentation des ältesten gedruckten Buches der Welt - von Johann
Gutenberg! Das "Missale speciale abbreviatum" entstand um 1450 noch vor den berühmten Bibeldrucken des Meisters und ist das einzige
bekannte erhaltene Exemplar von einer ehemals sehr kleinen Auflage, das vor einigen Jahren im Kloster St. Paul entdeckt wurde.
Noch nie hat es eine breite Öffentlichkeit zu Gesicht bekommen. Im Kontext der Ausstellung bildet dieser kulturelle Schatz zum
Jahresende einen würdige und spektakuläre Bereicherung zum Abschluss der Feierlichkeiten zum Elisabeth-Jahr in Hessen und Thüringen.
Hardy Eidam
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| ältestes gedruckte Buch der Welt von Johannes Gutenberg um 1450, "Missale speciale abbreviatum" Stift St. Paul, Lavanttal |
Allegorische Figuren: Astronomia, Arithmetica und Musica, E. 16. Jh. Stadtmuseum Erfurt |


