Sonderausstellung vom 24. November 2009 bis 5. April 2010
Prassen Qualmen Spielen - Die braven Bürger von Erfurt

Gaukler am Fenster
Samuel van Hoogstraten (1627-1678)
Öl auf Leinwand, Mitte 17. Jh.
Leihgeber: St. Paul im Lavanttal, Benediktinerstift St. Paul
Nichts fesselt mehr als das Lasterhafte. Zu den Themenkomplexen Essen und Trinken, Rauchen sowie Glücksspiel präsentiert die Ausstellung
mit einer großen Vielfalt an Exponaten Sitten und Unsitten der Menschen im Wandel der Jahrhunderte.
Literarische Quellen suggerieren, dass seit dem frühen Mittelalter bei Mahlzeiten der Wohlhabenden alles, was verfügbar war, aufgetischt
und hemmungslos aufgegessen wurde. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts galt dieses Verhalten nicht mehr als schicklich. Zuallererst
reduzierte man das Ess- und Trinktempo. Die Einführung der Gabel war beispielsweise an diesen Prozess des verlangsamten und
kontrollierten Essvorgangs gekoppelt. Verstärkt wurde der Hang zum Delikaten, Feinen und Raffinierten. Trotz aller Unterschiede im
Essverhalten haben Essen und Trinken zu allen Zeiten sehr viel mit Selbstdarstellung zu tun.
Tabakspfeifen aus Ton, die häufig bei stadtarchäologischen Untersuchungen zu Tage treten, sind eindeutige Hinweise, dass in Erfurt seit
der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts das Rauchen aus Tabakspfeifen zunehmend zahlreiche Anhänger fand. Davon berichten auch Passagen in
den Erfurter Feuerordnungen. Ursprünglich war das Rauchen ausschließlich Männern vorbehalten und in der Öffentlichkeit bis zum Beginn
des 20. Jahrhunderts nicht erwünscht. Eine kleine Zigarettenfabrik von Reemtsma & Söhne, 1910 in Erfurt gegründet, gilt als Geburtsort
eines Großkonzerns, der bereits Mitte der 30er Jahre rd. zwei Drittel der deutschen Zigarettenproduktion in seinen Händen hielt.
Zeitgleich begannen die Frauen das Recht des Rauchens einzufordern. Heute ist Tabak eines der weltweit verbreitetsten Genussmittel und
gleichzeitig Gegenstand gesundheitlicher Aufklärung.
Der Erfurter Satiriker Nicolaus von Bibra berichtet um 1280 sehr authentisch über die Spielleidenschaft seiner Zeitgenossen. So war
es ein besonderer "Glücksfund", als 1976 in der Baugrube in der Krämpferstraße Ecke Juri-Gagarin- Ring (Radisson Hotel) Sachzeugen eines
Knochenschnitzers gefunden wurden, der sich auf die Anfertigung von Spielwürfeln spezialisiert hatte. Der Fundkomplex konnte in die Zeit
des Nicolaus von Bibra datiert werden. Nach 1450 erhielt der Würfel Konkurrenz, denn das Kartenspiel eroberte die Tischrunden. Etwa zur
gleichen Zeit veranstaltete man in Deutschland die ersten Lotterien. In Erfurt ist bereits für 1477 der Ablauf eines solchen
organisierten Glücksspiels durch Konrad Stolle (1436-1501) detailliert beschrieben. Frühzeitig wurden die Überschüsse aus der Lotterie
auch für soziale Zwecke eingesetzt. Als Vordenker gilt der Erfurter Hiob Ludolph (1649-1711). In mehreren Schriften wirbt er für eine
Lotterie zur Bekämpfung der Armut.
Bis heute versuchen Erwachsene der Ungerechtigkeit der Welt ein Schnippchen zu schlagen, indem sie sich dem Glücksspiel in seinen
vielfältigen Erscheinungsformen hingeben.
Bei allem, was wir tun, liegen der Genuss und das Laster mitunter sehr dicht beieinander. Aber ohne die Freiheit des Genießens würde uns
viel Kultur fehlen. Deshalb gilt es das richtige Maß zu finden.
Gudrun Noll
Ausstellungsdauer:
24. November 2009 bis 28. März 2010
![]() |
![]() |
|
| Meerschaumpfeife
19. Jh. Leihgeber: Hamburg, Museum der Arbeit |
Ziehungstrommel mit Elfenbeinkugeln
um 1800 Leihgeber: Chemnitz, Deutsches SPIELEmuseum e.V. |
|
![]() |
||
| Acht Stangengläser mit Spielkartenmotiven
1725/ 1726 Leihgeber: Leinfelden-Echterdingen, Deutsches Spielkartenmuseum |



