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"Die Russen kommen!"
Die 8. Gardearmee in Thüringen 1945 - 1994

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Ausstellungseröffnung

Deutsch - Sowjetische Freundschaftstraditionen?

Die Ausstellung, die so erstmalig in Deutschlandpräsentiert wird, gehört zu den wichtigsten kulturellen Angeboten der Stadt Erfurt in 60. Jahr der Wiederkehr des Kriegsendes. Unter Federführung des Stadtmuseums Erfurt wird konsequent dort angeschlossen, wo 1995 mit der Exposition zum 50. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus in Thüringen durch die US-Army begonnen wurde.
In ihr wird das Wirken und Leben in und mit einer sowjetischen Armee im Laufe eines halben Jahrhunderts auf deutschem Boden dargestellt und gezeigt, wie sich dabei das Verhältnis der Bevölkerung zur Besatzungsmacht entwickelt hat. Bereits in der Vorankündigung stieß diese Thematik auf reges Interesse, nicht nur bei deutschen Historikern sondern vor allem bei älteren Menschen, welche die dargestellten Sachverhalte noch aus unmittelbarer Anschauung kennen. Darüber hinaus bilden die vorgestellten Materialien auch eine hervorragende Ergänzung zum Schulunterricht und wirken als Korrektiv zur rechts- wie auch linksradikalen Standpunkten zur Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.
Basiskonzeptionell löst sie sich von den vorherrschenden Mustern zeitgeschichtlicher Präsentation. Aufgrund der in der in der Besucherwahrnehmung vorherrschenden Überlappung von "Selbsterlebten" und privater politischer Haltung sollte kein belehrender Parcours gebaut werden, der die einzige historisch exakte Wahrheit verkündet. Vielmehr versuchen die Ausstellungsmacher sich dem "Kerngeschäft" des Museums zuzuwenden und das überlieferte originale Relikt in das Zentrum zu stellen. Der Besucher erhält so die Möglichkeit, seine persönlichen Erinnerungen mit dem jeweiligen Exponat zu verknüpfen. Als Gliederung dienen kulturelle Konstanten, die innerhalb politischer Systeme ihre Strukturierung erfahren. Sie werden zu Bildern, die die eine in sich geschlossene Geschichte erzählen, lose miteinander verknüpft durch die Chronologie der Ereignisse.
Das erste Bild heißt Angst und bietet zum Anfang einen deutschen Blickwinkel. Manipuliert von der nationalsozialistischen Propaganda verstecken sich die Menschen vor den heranrückenden Truppen der Roten Armee. Dabei wird verdeutlicht, wie es dazu kam. dass in Thüringen sowjetische Besatzungstruppen stationiert wurden. Ausgehend von der Historie des II. Weltkrieges und der Niederlage Hitlerdeutschlands wird gezeigt, dass die Aufteilung Deutschlands unter die alliierten Siegermächte gemäß der Jalta-Konferenz festgelegt wurde. Da der Vormarsch der alliierten Streitkräfte schneller Verlief als ursprünglich geplant, kam es zur Befreiung Thüringens durch die 3. US-Armee und zur anschließenden Übergabe der Thüringer Gebiete an die sowjetische 8. Gardearmee als Vertreter der Besatzungsmacht.
Die folgenden Bilder spiegeln exemplarisch die schwierige Zeit vom Sommer 1945 bis Oktober 1949: Kampf, Hunger, Ordnung, Wiedergutmachung und Hoffnung sollen die Problematik umfassen. Ausgehend von einer multimedialen Präsentation des Kampfweges der sowjetischen 8. Gardearmee, deren Wiege in Stalingrad stand und in ihren Weg vom Stalingrader Kessel nach Berlin (Seelower Höhen) nimmt, einschließlich eines Zwischenaufenthaltes in Dresden, wird gezeigt wie diese Armee schließlich in Thüringen als Besatzungsmacht nach dem Abzug der US-Truppen stationiert wird. Dabei spielt die bisher kaum erforschte Zeit der Gründung der SMATh in Weimar und der Kommandanturen in verschiedenen Orten Thüringens ebenso eine Rolle wie die Übergriffe auf die deutsche Bevölkerung.
Ein Schwerpunkt ist dabei das bisher wenig dargestellte Kapitel über die so genannten "Kapitalverbrechen in russischer Uniform". Ein heikles Thema, das sicherlich zu Diskussionen anregen wird, ebenso wie die Darstellung der Demontagen von ausgewählten Thüringer betrieben und der Aufbürdung von immensen -reparationskosten für eine sich allmählich wieder strukturierende Volkswirtschaft. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Einfluss des des Kontaktes mit den Resten der nationalsozialistischen V - Waffen - Entwicklung auf die sowjetische Raketenentwicklung. Nicht nur die Wurzeln für die technisch-technologische Entwicklung der sowjetischen Raketentruppen lagen in Thüringen, sondern auch die erste sowjetische Raketentruppe wurde in Berka bei Sondershausen aufgestellt.

Abbildung von zwei Militärfahrzeugen

Die Bilder Unruhe, Heimat, Dienst, Feinde und Ruhm illustrieren die längste Zeitspanne von Oktober 1945 bis Mitte 1988 und hinterfragen die Rolle der 8. Gardearmee in der Zeit der großen Blockformation.
Neben der Veranschaulichung der Wandlung der Aufgaben und Strukturen der 8. Gardearmee sowie anderer in Thüringen stationierter sowjetischer Truppenteile und Einheiten nach Gründung der DDR wird auch gezeigt, welche Rolle die Sowjettruppen bei der Aufrechterhaltung des sowjetischen Einflussimperiums bei den Ereignissen um den 17. Juni 1953 spielten. Die wenig popularisierten Darstellungen der Disloziierungsräume und Hauptwaffensysteme in den 70er und 80er Jahren sind hierbei eingeschlossen. Im Zentrum steht dabei ein Blick auf sowjetische Strategiepläne aus der Kommandantur Weimar, die nicht nur im Verteidigungsfall handlungsfähig war.
Der zu DDR-Zeiten kaum erwähnte Beziehungswandel zwischen den Angehörigen der sowjetischen 8. Gardearmee und der örtlichen Bevölkerung spielt ebenso eine Rolle wie der zu den Angehörigen der Streitkräfte der DDR. Dies betrifft sowohl die offiziellen und auf besatzungsrechtlich fixierten Verträgen und Abkommen beruhenden Kontakte wie auch die inoffiziellen und sich aus dem Alltagsleben und den Zwängen der Mangelwirtschaft herausbildenden Beziehungen. Dabei soll der mit einem Augenzwinkern bedachte Blick auf den so genannten "Freundschaftsbefehl" innerhalb eines ernsten Themas auch einmal für ein Schmunzeln sorgen.
Erstmals wird es einen musealen Blick auf den soldatischen Alltag hinter Kasernenmauern geben. Vieles ist bis zum heutigen Tag unbekannt: Wer weiß schon, das die Wehrdienstpflichtigen keine privaten Briefe aus der Heimat aufbewahren durften, wem ist es bewusst, dass die Soldaten in Schlafsälen für 70 (Altenburg) bis zu 400 (Ohrdruf) untergebracht waren und für ihre persönliche Habe sich zu zweit einen Hocker bzw. ein kleines Nachtschränkchen teilen mussten, wer hatte bisher Einblick in den genauen Tagesablauf in der Kaserne und in die Speisepläne der Truppe erhalten?

Mit dem Bild Abschied manifestieren sich die großen gesellschaftlichen Umbrüche am Beginn der 90er Jahre. 1994 verlassen die letzten Soldaten der 8. Gardearmee Thüringen und die Kommandanturen übergeben die Immobilien in einem der Geschichte beispiellosen Rechtsakt dem Bundesvermögensamt, das wiederum die Thüringer Flächen zur Verwertung an die LEG überträgt. Eine Ära neigt sich dem Ende. Kurz vor dem Abzug öffen sich die Kasernentore - zumindest teilweise. Die grundlegenden Wandlungen im Feindbild wirken sich natürlich auf den politisch-moralischen Zustand der Truppenteile aus. Die neue Offenheit bringt auch neue Formen der Kriminalität. Für viele Armeeangehörige wird es ein Abschied in eine ungewisse Zukunft in der Heimat, so dass sich in die zahlreichen Abschiedszeremonien neben der Erleichterung der heimischen Bevölkerung angesichts der verschrotteten Waffenberge auch Wehmut mischt. Fast ein Menschenleben lang war man einen konfliktreichen aber letztlich nicht voneinander zu trennenden Weg gegangen.

Die Ausstellung im Stadtmuseum entstand mit Unterstützung durch das Thüringer Kultusministerium, der Thüringischen Freundesgesellschaft und der LEG Thüringen. Die Gestaltung erfolgte durch Susanne Spannaus (ARTUS - Atelier Erfurt).

Einzugswagen der Russen Raketenstationierung in Thüringen
Einzugswagen der Russen Raketenstationierung in Thüringen

Begleitveranstaltungen:

Öffentliche Führungen an folgenden Sonntagen, jeweils 16 Uhr

21. August 2005                18. September 2005
  4. September 2005          25. September 2005
11. September 2005

Besonderheit: Nach Anmeldung sind kostenfreie persönliche Führungen durch Mitglieder der Thüringischen Freundschaftsgesellschaft e.V. möglich.

Führungen und Gespräche für Gruppen - dafür ist eine Anmeldung erforderlich -
Terminabsprachen Telefon: 03 61 / 6 55 56 52

 

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